Es fängt oft mit Kleinigkeiten an, die du lange nicht mit deinen Hormonen in Verbindung bringst: Die Scheide fühlt sich trockener an, beim Wasserlassen brennt es öfter, die Augen sind am Bildschirm schneller gereizt. Wer dann im Internet nach einer Erklärung sucht, stößt früher oder später auf das Wort Estriol und auf den Begriff Estriol-Mangel. Estriol ist eines der drei Östrogene deines Körpers, und es steht oft im Schatten des bekannteren Estradiols.
In diesem Artikel schauen wir uns an, was Estriol ist, wie es wirkt und wie es sich von den anderen beiden Östrogenen unterscheidet. Vor allem geht es darum, was hinter einem Estriol-Mangel wirklich steckt, denn das ist etwas anders, als viele Seiten im Netz es darstellen.
Was ist Estriol?
Estriol, abgekürzt E3, gehört zur Familie der Östrogene, also der weiblichen Geschlechtshormone. Neben ihm gibt es Estradiol (E2), das stärkste und bekannteste Östrogen, und Estron (E1). Estriol hat von allen dreien die schwächste östrogene Wirkung.
Außerhalb der Schwangerschaft bildet dein Körper Estriol kaum direkt. Es entsteht vor allem in der Leber, wenn Estradiol und Estron abgebaut und umgewandelt werden. Wie viel Estriol du hast, hängt deshalb eng davon ab, wie viel Estradiol und Estron dein Körper gerade zur Verfügung hat. In der Schwangerschaft ist das ganz anders: Dann bildet die Plazenta große Mengen Estriol, und der Spiegel steigt bis zur Geburt stark an.
Estron, Estradiol und Estriol im Vergleich
Weil die drei Östrogene so ähnlich klingen, hilft ein Überblick, um sie auseinanderzuhalten:
| Estron (E1) | Estradiol (E2) | Estriol (E3) | |
|---|---|---|---|
| Stärke | mittel | am stärksten | am schwächsten |
| Wo es vor allem entsteht | Fettgewebe, Eierstöcke | Eierstöcke | Leber (aus E1 und E2), in der Schwangerschaft Plazenta |
| Wann es vorherrscht | nach der Menopause | in den fruchtbaren Jahren | in der Schwangerschaft |
| Wofür es bekannt ist | Hauptöstrogen nach den Wechseljahren | Zyklus, Eisprung, Knochen, Stimmung, Haut | Schleimhäute von Scheide, Harnröhre und Blase |
| In den Wechseljahren | bleibt am längsten erhalten | sinkt deutlich | sinkt mit, weil die Vorstufen fehlen |
Die letzte Zeile erklärt schon viel: Estriol sinkt in den Wechseljahren nicht für sich allein, sondern weil Estradiol und Estron weniger werden, aus denen es gebildet wird.
Welche Wirkung hat Estriol?
Wie alle Östrogene dockt Estriol an die Östrogenrezeptoren in deinen Zellen an, nur deutlich schwächer als Estradiol. Bekannt ist es vor allem für seine Wirkung auf die Schleimhäute im Intimbereich und in den Harnwegen. Östrogene sorgen dort dafür, dass die Schleimhaut dick, gut durchblutet und feucht bleibt und dass die Scheide ihr leicht saures Milieu behält, das vor Keimen schützt.
Auch die Haut reagiert auf Östrogene, weil sie Feuchtigkeit und Spannkraft mit beeinflussen. Wie groß dabei der Anteil von Estriol im Vergleich zu Estradiol ist, lässt sich aber nicht genau sagen. Wenn deine Haut in den Wechseljahren trockener wird, liegt das deshalb eher am insgesamt sinkenden Östrogen als an einem einzelnen Hormon.
Estriol-Mangel: Was wirklich dahintersteckt
Wenn von Estriol-Mangel die Rede ist, sind fast immer Beschwerden gemeint, die entstehen, weil in den Wechseljahren alle Östrogene zurückgehen. Fachleute sprechen vom urogenitalen Menopausensyndrom: Die Schleimhäute im Genitalbereich werden dünner und trockener, und der pH-Wert der Scheide steigt. Typische Anzeichen sind:
- Scheidentrockenheit, weil die Schleimhaut weniger Feuchtigkeit bildet
- Brennen und Juckreiz im Intimbereich, weil die dünnere Haut empfindlicher reagiert
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, weil die Schleimhaut weniger elastisch ist
- häufigere Harnwegsinfekte, weil das schützende saure Milieu verloren geht
- häufiger Harndrang oder eine empfindliche Blase, weil auch die Schleimhaut der Harnwege dünner wird
Anders als Hitzewallungen, die nach einigen Jahren meist nachlassen, gehen diese Beschwerden oft nicht von selbst weg, sondern brauchen dauerhaft Pflege. Viele Frauen sprechen trotzdem lange nicht darüber, weil sie das Thema unangenehm finden oder glauben, das gehöre eben zum Älterwerden dazu.
Wer nach Estriol-Mangel sucht, meint meistens etwas Größeres: Der ganze Östrogenspiegel sinkt, und die Schleimhäute merken das oft als Erstes.
Heike Ferg, Hormoncoach für Frauen in den Wechseljahren
Estriol-Mangel und Psyche
Nach Estriol und Psyche wird erstaunlich oft gesucht. Für Stimmung, Antrieb und innere Ruhe sind in den Wechseljahren aber vor allem Estradiol und Progesteron wichtig. Eine eigene Rolle von Estriol für die Psyche ist bisher kaum untersucht. Wenn du dich gereizt, ängstlich oder niedergeschlagen fühlst, lohnt deshalb eher der Blick auf das ganze Zusammenspiel der Hormone, so wie ich es im Artikel über Wechseljahre und Psyche beschreibe.
Wann du Beschwerden ärztlich abklären lassen solltest
Nicht jedes Brennen und nicht jede Trockenheit kommt von den Hormonen. Infektionen, Hauterkrankungen im Intimbereich, Diabetes oder Medikamente können ähnliche Beschwerden machen. Lass deshalb ärztlich abklären, wenn du zum ersten Mal solche Beschwerden hast, wenn sie stärker werden oder wenn eines dieser Warnzeichen dazukommt:
- Blutungen nach der Menopause, also wenn deine letzte Periode mehr als ein Jahr zurückliegt
- Blut im Urin
- Fieber oder Schmerzen in der Flanke bei einem Harnwegsinfekt
- Veränderungen oder Wunden der Haut im Intimbereich, die nicht abheilen
Was bedeutet „zu viel“ Estriol?
Sehr hohe Estriolwerte sind in der Schwangerschaft normal, weil die Plazenta es in großen Mengen bildet. Außerhalb der Schwangerschaft sagt ein einzelner Estriolwert für sich allein wenig aus. Aussagekräftig wird er erst im Verhältnis zu Estradiol und Progesteron, und genau dieses Verhältnis schaue ich mir in der Beratung an.
Kann ich Estriol messen lassen?
Ja. In meiner Hormonberatung online bestimmen wir mit einem Speicheltest neben Progesteron, Estradiol und Testosteron auch Estriol. Ich sehe mir die Werte nicht einzeln an, sondern im Zusammenhang mit deinen Beschwerden und deiner Lebensphase, denn ein Wert auf dem Papier erklärt noch nicht, warum du dich so fühlst, wie du dich fühlst.
Wenn du erst einmal sortieren möchtest, welche Beschwerden bei dir zusammenkommen, kann dir auch mein kostenloser Hormon-Symptom-Check helfen.
Estriol-Creme und Progesteron-Creme: Was es damit auf sich hat
Vielleicht bist du bei deiner Suche auch auf Estriol-Creme oder Progesteron-Creme gestoßen. Beides sind sogenannte bioidentische Hormone, also Hormone, die genauso aufgebaut sind wie die, die dein Körper selbst bildet.
Mir ist dabei eine Unterscheidung wichtig: Bioidentisch ist nur die eine Seite der Medaille. Hormone einfach von der Stange zu nehmen, in einer einheitlichen Dosierung, die für alle Frauen gleich ist, entspricht nicht meiner Arbeitsweise. Welche Hormone bei dir gerade fehlen und wie sie zueinander stehen, ist ganz individuell und eben bei jeder Frau anders. Bei der einen ist vor allem das Progesteron gesunken, bei der anderen sind alle Östrogene niedriger, bei einer dritten ist das Verhältnis zwischen Estradiol und Estriol verschoben.
Deshalb steht bei mir am Anfang immer der Test. Mit einem Speicheltest sehen wir, wo du hormonell gerade stehst, und richten uns dann nach diesem Ergebnis, ganz individuell auf dich abgestimmt. In meiner Hormonberatung schauen wir uns deine Werte gemeinsam an und besprechen, was zu deiner Situation passt. Das ist eine Beratung und keine Therapie, sie gibt dir aber eine gute Grundlage für deine eigene Entscheidung.
Was du selbst für deine Schleimhäute tun kannst
Estriol selbst kannst du mit Lebensstil alleine nicht gezielt erhöhen, weil es aus den anderen Östrogenen entsteht. Du kannst aber einiges dafür tun, damit deine Schleimhäute gut versorgt sind und dein Hormonstoffwechsel gute Bedingungen hat:
- Ausreichend trinken, weil trockene Schleimhäute auch mit dem Flüssigkeitshaushalt zusammenhängen.
- Den Intimbereich nur mit Wasser oder einer milden, pH-neutralen Waschlotion reinigen, weil Seife und Duschgel die empfindliche Schleimhaut zusätzlich austrocknen.
- Den Beckenboden trainieren, weil das die Durchblutung fördert und bei einer empfindlichen Blase helfen kann.
- Leber und Darm gut versorgen, mit viel Gemüse, Ballaststoffen, wenig Alkohol und Zucker, weil beide am Hormonstoffwechsel beteiligt sind.
- Auf Schlaf und Stress achten, weil dauerhafte Belastung das ganze Hormonsystem beeinflusst.
Wenn die Beschwerden trotzdem stark bleiben, sprich mit deiner Frauenärztin darüber. Und wenn du verstehen möchtest, wie deine Hormone gerade zusammenspielen, schauen wir uns das in der Hormonberatung gemeinsam an.
Mehr über die Östrogene und die anderen Hormone, die in den Wechseljahren mitspielen, findest du in meinem großen Hormon-Guide und in der Übersicht Hormone von A bis Z. Wo du gerade stehst, kannst du im Artikel über die 4 Phasen der Wechseljahre nachlesen.
Häufige Fragen zu Estriol
Estradiol ist das stärkste Östrogen und steuert unter anderem Zyklus, Eisprung, Knochen und Stimmung. Estriol ist deutlich schwächer und entsteht außerhalb der Schwangerschaft vor allem in der Leber aus Estradiol und Estron. Bekannt ist es besonders für seine Wirkung auf die Schleimhäute.
Ja, von den drei körpereigenen Östrogenen Estron, Estradiol und Estriol hat Estriol die schwächste Wirkung.
Gemeint sind meist Beschwerden durch insgesamt sinkendes Östrogen: Scheidentrockenheit, Brennen, Schmerzen beim Sex, häufigere Harnwegsinfekte oder eine empfindliche Blase. Weil auch andere Ursachen infrage kommen, sollten neue Beschwerden ärztlich abgeklärt werden.
Für die Stimmung sind in den Wechseljahren vor allem Estradiol und Progesteron wichtig. Eine eigene Rolle von Estriol für die Psyche ist bisher kaum untersucht. Bei Stimmungsschwankungen lohnt der Blick auf das ganze Hormonzusammenspiel.
Gezielt nicht, weil Estriol aus Estradiol und Estron entsteht. Du kannst aber deine Schleimhäute pflegen und Leber, Darm, Schlaf und Stress gut versorgen, damit dein Hormonstoffwechsel gute Bedingungen hat.
Bei bioidentischen Hormonen geht es nicht um eine Einheitslösung für alle. Deshalb kann ich dir das so nicht empfehlen. Welche Hormone bei dir fehlen und in welchem Verhältnis, zeigt ein Speicheltest. Nach diesem Ergebnis richtet sich in meiner Beratung alles Weitere, individuell auf dich abgestimmt.
In der Schwangerschaft ist ein hoher Estriolwert normal. Außerhalb der Schwangerschaft sagt ein einzelner Wert wenig aus und sollte im Verhältnis zu Estradiol und Progesteron eingeordnet werden.
Quellen
Portman DJ, Gass MLS: Genitourinary syndrome of menopause: new terminology for vulvovaginal atrophy from the International Society for the Study of Women’s Sexual Health and The North American Menopause Society. Menopause 2014; 21(10): 1063–1068.
Kuiper GG et al.: Comparison of the ligand binding specificity and transcript tissue distribution of estrogen receptors α and β. Endocrinology 1997; 138(3): 863–870.
Welche Frage zu Estriol oder den Östrogenen ist bei dir noch offen?
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Wer hier schreibt?
Ich bin Heike Ferg und schreibe auf diesem Blog über Hormone, Wechseljahre und Psyche. Als Hormoncoach & zertifizierte Psychologische Beraterin (VpsyB) höre ich täglich von all den körperlichen und emotionalen Beschwerden, die viele Frauen bei sich beobachten, aber oft nicht erklärt bekommen. Du suchst eine fachkundige Begleitung für deine Perimenopause und die Wechseljahre? Hier kannst du mehr über meine Angebote erfahren: