Was sind bioidentische Hormone? Warum gleich gebaut nicht gleich passend heißt

Zwei ähnliche Schlüssel auf einem Holztisch als Bild für bioidentische und synthetische Hormone
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Kaum ein Begriff taucht in meinen Gesprächen so oft auf und wird dabei so unterschiedlich verstanden wie „bioidentische Hormone“. Für die eine klingt er nach etwas Pflanzlichem und damit nach etwas Harmlosem, die andere verbindet ihn mit genau der Hormontherapie, die sie eigentlich vermeiden wollte, und eine dritte hat in einem Forum gelesen, dass damit alles wieder gut wird. Alle drei Vorstellungen treffen nur einen Teil dessen, was hinter dem Wort steckt, und genau deshalb lohnt es sich, einmal in Ruhe auseinanderzunehmen, was „bioidentisch“ eigentlich bedeutet und was nicht.

✦ Das Wichtigste in Kürze
  • Bioidentische Hormone sind Hormone, deren chemische Struktur genau der Struktur deiner körpereigenen Hormone entspricht, zum Beispiel Progesteron oder Estriol.
  • Bioidentisch heißt nicht automatisch pflanzlich oder natürlich: Die Ausgangsstoffe stammen oft aus Pflanzen, das fertige Hormon entsteht aber im Labor.
  • Synthetische Hormone wie viele Gestagene sind anders gebaut als Progesteron und wirken deshalb auch nicht genau gleich.
  • Entscheidend ist nicht nur, welches Hormon, sondern wie viel davon dein Körper tatsächlich braucht. Deshalb steht bei mir die Messung am Anfang.

Was bedeutet bioidentisch?

Das Wort selbst sagt schon recht genau, worum es geht: „bio“ für das Lebendige, den Körper, und „identisch“ für gleich. Bioidentische Hormone sind also Hormone, deren chemische Struktur Atom für Atom der Struktur entspricht, die dein Körper selbst bildet. Ein bioidentisches Progesteron ist chemisch dasselbe Molekül wie das Progesteron aus deinen Eierstöcken, und ein bioidentisches Estriol gleicht dem Estriol, das zur Familie deiner körpereigenen Östrogene gehört.

Warum das so wichtig ist, verstehst du am besten über das Bild von Schlüssel und Schloss. Jedes Hormon passt an ganz bestimmte Andockstellen an deinen Zellen, die Rezeptoren, und erst wenn es dort andockt, gibt die Zelle die Botschaft weiter. Ein bioidentisches Hormon passt in dieses Schloss genauso wie dein eigenes, und deine Zellen können es weder beim Andocken noch beim späteren Abbau von deinen körpereigenen Hormonen unterscheiden. Auch im Labor lässt sich nicht erkennen, ob ein gemessenes Progesteron aus deinem Körper stammt oder von außen dazugekommen ist.

Bioidentisch, natürlich, synthetisch: drei Begriffe, die oft verwechselt werden

Genau an dieser Stelle beginnen die meisten Missverständnisse, denn im Alltag werden „bioidentisch“, „natürlich“ und „pflanzlich“ gern in einen Topf geworfen. Natürliche Hormone im eigentlichen Sinn sind die Hormone, die dein Körper selbst bildet, ohne dass von außen etwas dazukommt. Bioidentische Hormone ahmen diese körpereigenen Hormone exakt nach, sie sind aber kein Naturprodukt, das man einfach aus einer Pflanze herauspresst.

Häufig beginnt ihre Herstellung zwar mit Pflanzen wie der Yamswurzel oder Soja, die einen Stoff namens Diosgenin enthalten. Diosgenin ist eine Vorstufe, aus der im Labor in mehreren Schritten Progesteron entsteht, und diesen Umbau schafft dein Körper selbst nicht. Wenn also irgendwo von „natürlichem Progesteron aus der Yamswurzel“ die Rede ist, dann stimmt daran vor allem, dass der Ausgangsstoff aus einer Pflanze kommt. Das fertige Hormon ist ein im Labor hergestelltes, aber eben bioidentisches Molekül.

Synthetische Hormone gehen einen anderen Weg. Sie sind bewusst chemisch verändert, damit sie zum Beispiel länger wirken oder sich besser über den Magen aufnehmen lassen. Das bekannteste Beispiel sind die Gestagene, die in vielen Hormonpräparaten anstelle von Progesteron eingesetzt werden. Sie ähneln dem Progesteron, sind aber anders gebaut, und genau dieser Unterschied hat Folgen.

Warum die chemische Struktur so viel ausmacht

Wenn ein Schlüssel nur fast passt, öffnet er manchmal trotzdem das Schloss, manchmal aber auch noch ein paar andere Türen, für die er gar nicht gedacht war. So ähnlich verhält es sich mit vielen synthetischen Gestagenen: Weil sie anders gebaut sind als Progesteron, docken einige von ihnen nicht nur am Progesteronrezeptor an, sondern zusätzlich an Rezeptoren für männliche Hormone, für Cortisol oder für das Hormon, das deinen Salz- und Wasserhaushalt steuert. Der Frankfurter Pharmakologe Herbert Kuhl hat diese Unterschiede zwischen den einzelnen Gestagenen ausführlich beschrieben, und eine große Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass sich die Gestagene in ihren Eigenschaften und Wirkungen in den Zellen deutlich voneinander und vom Progesteron unterscheiden.

Für dich heißt das vor allem eines: „Hormon“ ist nicht gleich „Hormon“, auch wenn auf zwei Präparaten scheinbar dasselbe steht. Gerade Progesteron hat in deinem Körper viele Aufgaben, die über den Zyklus hinausgehen, etwa seine beruhigende Wirkung auf das Nervensystem, die über seine Abbauprodukte im Gehirn zustande kommt. Ein bioidentisches Progesteron kann diesen Weg gehen, weil es genauso abgebaut wird wie dein eigenes. Ein Gestagen, das anders gebaut ist, kann das nicht ohne Weiteres.

Welche bioidentischen Hormone in meiner Beratung eine Rolle spielen

In den Wechseljahren geht es in meinen Gesprächen vor allem um zwei bioidentische Hormone: Progesteron, das in der Perimenopause oft als Erstes nachlässt, und Estriol, das schwächste Mitglied der Östrogenfamilie. Beide gibt es zum Beispiel als Creme, die über die Haut aufgenommen wird, also als Progesteron-Creme oder als Estriol-Creme. Welche davon in deiner Situation überhaupt infrage kommt, lässt sich allerdings nicht aus einer Beschwerdeliste ablesen, und genau hier wird es spannend.

Denn Beschwerden wie Schlafprobleme, innere Unruhe oder Stimmungsschwankungen können zu einem Progesteronmangel passen, sie können aber genauso gut mit einem dauerhaft hohen Cortisol oder mit einem Ungleichgewicht zwischen den Östrogenen und dem Progesteron zusammenhängen. Wer dann einfach „etwas gegen die Wechseljahre“ nimmt, behandelt im Zweifel ein Hormon, das gar nicht fehlt, und übersieht das, was wirklich aus dem Takt geraten ist.

Bioidentisch heißt nicht automatisch passend: Es kommt auf die Menge an

Und damit sind wir bei dem Punkt, der mir in der ganzen Diskussion um bioidentische Hormone am wichtigsten ist. Ein Hormon kann noch so körperidentisch gebaut sein: Wenn die Menge nicht zu deinem Körper passt, hilft dir die schönste chemische Struktur wenig. Hormone wirken schon in winzigen Mengen, und dein Körper hat ein fein abgestimmtes System, mit dem er sie bildet, verteilt und wieder abbaut. Bekommt er von außen deutlich mehr, als er braucht, gerät dieses System genauso aus dem Takt wie bei einem Mangel.

Deshalb wird in meiner Beratung zuerst gemessen, und erst danach schauen wir gemeinsam, was dein Körper tatsächlich braucht. Mit einer Hormonspeichelanalyse sehen wir, wie es um Progesteron, die Östrogene und Cortisol bei dir steht und in welchem Verhältnis diese Hormone zueinander sind. Bioidentische Hormone können dann eine Form der Selbstfürsorge sein, für die du dich selbst entscheidest, immer auf Grundlage dessen, was die Messung zeigt, und immer individuell auf dich abgestimmt. Hormone von der Stange in einer einheitlichen Dosierung für alle Frauen entsprechen dagegen nicht meiner Überzeugung, die sich in der Praxis leider oft bestätigt.

Bioidentische Hormone sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Frage, wie viel davon dein Körper wirklich braucht, und die lässt sich nur beantworten, wenn man vorher hinschaut.

Heike Ferg, Hormoncoach für Frauen in den Wechseljahren

Bioidentische Hormone und natürliche Hormonregulation

Dieses Hinschauen gehört für mich zu einem größeren Bild, denn bioidentische Hormone stehen in meiner Arbeit nie am Anfang und nie für sich. Bevor es um Hormone von außen geht, schauen wir gemeinsam auf die Bedingungen, unter denen dein Körper seine Hormone selbst bildet: auf deinen Schlaf, auf Stress und dein Nervensystem, auf Ernährung und Bewegung. Was dahintersteckt, habe ich in meinem Artikel Was ist natürliche Hormonregulation? ausführlich beschrieben.

Manchmal reicht es schon, an diesen Stellschrauben zu drehen, damit sich einiges beruhigt. Manchmal zeigt die Messung aber auch, dass ein Hormon so deutlich fehlt, dass dein Körper das allein nicht mehr ausgleichen kann. Dann kann eine bioidentische Ergänzung in passender Menge ein sinnvoller Teil des Weges sein, und genau dafür möchte ich dir das Wissen mitgeben, damit du sicher damit umgehen und selbst gut entscheiden kannst. Wenn du tiefer verstehen möchtest, wie deine Hormone überhaupt zusammenspielen, findest du im großen Hormone-Guide die Grundlagen dazu.

Für wen eine Beratung zu bioidentischen Hormonen passt

Am meisten profitieren Frauen, die verstehen wollen, was gerade in ihrem Körper passiert, bevor sie sich für oder gegen etwas entscheiden. Manche kommen zu mir, weil sie schon von Progesteron-Creme gehört haben und wissen möchten, ob das bei ihnen überhaupt Sinn ergibt. Andere haben bereits etwas ausprobiert und sind unsicher, ob die Menge zu ihnen passt, und wieder andere möchten vor allem einordnen können, was sie gelesen haben.

Wenn du dich darin wiederfindest, ist die Hormonberatung online mit Speichelanalyse ein guter Anfang. Das ist eine Beratung und keine Therapie, und sie gibt dir eine gute Grundlage für deine eigene Entscheidung. Wer über mehrere Wochen begleitet werden möchte, findet im Hormoncoaching den Rahmen dafür.

Häufige Fragen zu bioidentischen Hormonen

Was sind bioidentische Hormone?

Bioidentische Hormone sind Hormone, deren chemische Struktur genau der deiner körpereigenen Hormone entspricht. Deine Zellen erkennen sie wie deine eigenen Hormone und bauen sie auch genauso ab. Beispiele sind Progesteron und Estriol.

Sind bioidentische Hormone pflanzlich?

Nicht im eigentlichen Sinn. Die Ausgangsstoffe stammen oft aus Pflanzen wie der Yamswurzel oder Soja, das fertige Hormon entsteht aber in mehreren Schritten im Labor. Bioidentisch beschreibt die chemische Struktur, nicht die Herkunft.

Was ist der Unterschied zwischen Progesteron und Gestagenen?

Progesteron ist das körpereigene Hormon, das es auch in bioidentischer Form gibt. Gestagene sind synthetisch veränderte Stoffe, die dem Progesteron ähneln, aber anders gebaut sind. Deshalb docken manche von ihnen zusätzlich an andere Rezeptoren an und wirken nicht genau wie Progesteron.

Brauche ich bioidentische Hormone in den Wechseljahren?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Viele Beschwerden haben mehrere Ursachen, und nicht jede Frau hat einen Mangel. In meiner Beratung wird deshalb zuerst der Hormonstatus gemessen, und erst danach schauen wir gemeinsam, ob und was dein Körper braucht.

Gehören bioidentische Hormone zur natürlichen Hormonregulation?

Sie können ein Teil davon sein, wenn die Messung zeigt, dass es sinnvoll ist. Zuerst geht es aber immer um die Bedingungen, unter denen dein Körper seine Hormone selbst bildet, also um Schlaf, Stress, Ernährung und Bewegung.

Was hast du über bioidentische Hormone schon gehört oder gelesen, und was davon hat dich eher verunsichert?

Erzähl mir gern in den Kommentaren davon. Ich lese jeden Kommentar und antworte dir. → Zu den Kommentaren

Quellen

Heike Ferg, Hormoncoach und psychologische Beraterin, im Portrait mit handschriftlichen Notizen zu Hormonen, Psyche und emotionalen Zusammenhängen